Ein paar Gedanken zum geplanten IKEA in Altona

Frappant in Altona. Foto: kai (=herrner) auf Flickr

Es ist bestimmt total verrückt, aber ich versuche mal, die geplante Ansiedlung von IKEA in der Großen Bergstraße in Hamburg etwas differenzierter zu betrachten. Ich bin da ehrlich noch nicht final entschieden, möchte aber meinen derzeitigen Gedankengang einmal darlegen. Feel free to comment!

Ich bin kein Riesenfan von IKEA, habe aber natürlich wie fast jeder ein paar IKEA-Möbel herumstehen. Im Urlaub bin ich total genervt, wenn ich selbst im kleinsten sardischen Dorf IKEA-Möbel in der Ferienwohnung vorfinde. IKEA ist einfach zu allgegenwärtig. Aber eben günstig. Eben dieses IKEA will nun mitten in Altona eine Filiale bauen, die – was angeblich neu ist – das ganze Reportoire innerstädtisch anbieten will. Soll heißen: Interessierte müssen nicht mehr an den Stadtrand fahren, um bei IKEA einzukaufen, sondern haben das vermeintliche Vergnügen stadtnah.

Problematisch hieran sind zwei Dinge, die man aber meiner Meinung nach auch deutlich trennen muss. Zum einen hat sich hier seit 2006 eine hochaktive und differenzierte Kunst- und Eventszene angesiedelt, die durchaus über Hamburg hinaus Bekanntheit erlangt hat, zum anderen muss man sich natürlich die Frage stellen, wie ein Stadtteil ein solches Möbelkaufhaus verkraftet.

Zwischennutzung für Künstler: Bleibenwollen ist ein Problem

Zu den Künstlern: Der Besitzer des Hauses hat, mit Unterstützung der jetzt gescholtenen Politik und privatwirtschaftlicher Initiative eine künstlerische Zwischennutzung des Gebäudes zugelassen. Das kann man gar nicht oft genug loben. Schließlich ist es schwer in Hamburg in so zentraler Lage günstige Ateliers anzumieten. Das jetzt viele Künstler darauf bestehen, die Räume weiter zu nutzen, ist aus deren Sicht verständlich, bedroht aber in Zukunft jedes weitere Projekt dieser Art, da andere Immobilienbesitzer mit temporären Leerständen befürchten müssen, dass eine genehmigte Zwischennutzung die Immobilie zum Streitobjekt und damit unverkauf- oder unvermietbar macht. Wenn ich meine Wohnung während eines Auslandsaufenthaltes günstig untervermieten würde, fände ich es ja auch nicht so toll, wenn ich nach meiner Rückkkehr gesagt bekäme, dass ich aber nun nicht mehr reinkäme. Der Protest in der Bergstraße ist diesbezüglich also letztlich kurzsichtige und andere Kulturprojekte gefährdende Kirchturmspolitik. Da ändern auch durchaus lustige Briefe nichts dran. (Die dort erwähnte sogenannte Evokation der Angelegenheit durch den Senat gibt es übrigens aufgrund der Intervention der GAL nicht).

Das Problem könnte natürlich ggf. dadurch gelöst werden, dass die Stadt das Gebäude kauft und zum ständigen Kunsthaus umwidmet. Abgesehen von der prekären Haushaltssituation finde ich aber als Kulturliebhaber Kunst aus Ateliers mit langen Mietverträgen und staatlicher Päppelung meist wenig attraktiv. Künstler, die sich mit Verhältnissen arrangieren und es sich bequem machen, sind meist langweilig. Und die Abhängigkeit von der staatlichen Förderung des Gebäudes führt oft zu Selbstzensur und Gefälligkeitskunst für Politiker, die über die Gelder zu entscheiden haben. So jedenfalls meine Erfahrung in den bezirklichen Ausschüssen. Insofern scheint mir das keine Lösung zu sein. Man muss natürlich immer wieder Räume auftun, die zwischengenutzt werden können, aber dafür muss die Bereitschaft von Immobilienbesitzern vorhanden sein. Und da kann man dann nur auf den letzten Absatz verweisen.

IKEA oder andere gewerbliche Nutzung?

Zu IKEA oder anderweitige Nutzung: Viele werden das böse finden, aber rein rechtlich gesehen hat der Immobilienbesitzer natürlich das Recht, dort Gewerbe zu ermöglichen (letztlich sind Clubs wie das von mir sehr geschätzte Hafenklang Exil aber ja auch keine Wohlfahrtsstätten). Es gab in den letzten Jahren etliche Konzepte mit einer Mischung von kleineren Gewerbeflächen, bei denen die jeweiligen Investoren wegen fehlender Tragfähigkeit des Konzeptes wieder abgesprungen sind. Diese Kleinflächenaufteilung ist aber genau die Forderung des Wortlautes des eigentlichen Antragstextes des Bürgerbegehrens. Die weiteren im Begehren genannten Forderungen sind nur Ausschmückungen und können vom Bezirk z.T. auch gar nicht entscheiden werden. Das ist also auch keine Lösung.

Ohne Auswirkungen auf die Umgebung oder gentrifizierend?

Wenn nun IKEA zumindest rein wirtschaftlich eine der wenigen Möglichkeiten ist, so muss man natürlich die Bedenken unterschiedlichster Art ernst nehmen. Was die bei jedem umgedrehten Stein bemühte Gentrifizierung betrifft, so verstehe ich die Argumentation der Gegner nicht (vielleicht erklärt sie mir ja jemand in den Kommentaren): Einerseits wird gemutmaßt, dass der „Tempel“ gar keine wirtschaftlichen Effekte auf den Rest der Großen Bergstraße hat, weil es ein geschlossenes Konzept ist (Essen, Kleinkram, Möbel, Kinderbetreuung) – eine Kritik, die ich übrigens sehr bedenkenswert finde. Andererseits wird behauptet, die Mieten würden explodieren, weil der „Aufwertungsdruck“ so hoch sei. Was gilt denn nun? Es ist ja auch nicht zu erwarten, dass wegen Kötbullar und Billy jetzt ganz Eppendorf in die große Bergstraße zieht. Die kaufen wohl eher beim großen Bruder Habitat oder anderen Läden am Neuen Wall.

Meine offenen Fragen

Wesentlicher scheint mir die Kritik an der Größe, der architektonischer Ästhetik und vor allem der Verkehrsbelastung zu sein. Ich will definitiv auch keinen blauen Klotz in der Großen Bergstraße. Ich hätte die zunächst kolportierte Idee, ein Mini-IKEA daraus zu machen, wo man keine Möbel direkt mitnehmen kann, wesentlich sympathischer gefunden. Ich kann die Kritik, dass das womöglich zunächst nur als Leckerli zwecks „Akzeptanzmanagement“ in die Runde geworfen werden, gut verstehen. Hier stellt sich die Frage, wie weit IKEA noch entgegenkommt. Was die Belastung durch Verkehr betrifft, müssen unbedingt Lösungen gefunden werden, die zur Benutzung des ÖPNV motivieren, von Lastentaxis bishin zur Erstattung des Tickets beim Kauf und teuren Parkplätzen. Ehrlich gesagt finde ich es nicht so abweggig, dass dann viele auch mit Bus und Bahnen kommen. Aus persönlicher Erfahrung weiß ich, dass die meisten Besuche bei IKEA doch nur im Kauf von 100 Teelichtern enden. Das Kaufhaus muss zudem in die Große Bergstraße architektonisch und wirtschaftlich eingebettet sein. Das heißt, man muss als Besucher Lust bekommen, auch mal vor die Tür zu gehen, IKEA muss Teil des Stadtteils sein. Unter diesen zuletzt genannten Punkten könnte ich mir IKEA vorstellen, ohne diese nicht. Oder wie es der GAL-Bürgerschaftsabgeordnete Michael Gwosdz formulierte: „IKEA muss sich an Altona anpassen und nicht Altona an IKEA“. Den ersten Schritt werden jetzt aber wohl die Bürger selbst machen können. Sie können sich voraussichtlich in einem Bürgerbegehren zu IKEA verhalten. Es gibt übrigens auch eines für IKEA, das viel Zulauf hat. Soviel zur angeblich nicht vorhandenen Akzeptanz im Stadtteil.

Disclaimer: Ich bin als zugewählter Bürger Teil der Altonaer Bezirksfraktion der GAL, die sich noch im Meinungsbildungsprozess befindet, was eine Ansiedlung von IKEA betrifft (weniger über das ob als das wie).

Foto: Frappant in Altona. Foto: kai (=herrner) auf Flickr unter CC

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3 Kommentare zu Ein paar Gedanken zum geplanten IKEA in Altona

  1. Michael sagt:

    Vielen Dank für diese differenzierte Auseinandersetzung. In der Tat gibt es keine Evokation – warum auch, das ist keine Frage von gesamtstädtischen Belang, sondern ein Altonaer Problem.

    Zur Problematik Zwischennutzung hast Du eigentlich alles gesagt. Zu ergänzen ist, dass es schon sehr konkrete Planungen gibt, z.B. im direkt benachbarten Forum eine Kulturetage mit fixierten Mieten zu etablieren und auch hinsichtlich des alten Finanzamtes am Anfang der Neuen Großen Bergstraße gibt es Überlegungen für eine kulturelle Nutzung. Es ist also auch nicht so, dass Altona den Zwischennutzern sagt: war schön mit Euch, jetzt müsst ihr euch aber ganz wo anders was suchen!

    Ganz wichtig finde ich Deinen Hinweis, dass der Immobilienbesitzer das Recht hat, im Frappant oder auf dem Gelände des Gebäudes Gewerbe zu ermöglichen. Jederzeit kann dort wieder etwas eröffnet werden, wie zuvor die Kombination aus Karstadt, Spar und Aldi, die dort noch vor ein paar Jahren war. Und Karstadt hatte ebenfalls Möbel, Küchengeräte und anderes im Angebot, die geliefert und wieder abgeholt wurden. Die entstandene Ruhe in der Ecke ist Folge des wirtschaftlichen Niederganges der Einkaufsstraße und kann daher nur eine vorübergehende sein. Allerdings darf IKEA das Quartier auch nicht über die alten Karstadt-Zustände hinaus besonders belasten. Meine Kurzformel dafür hast Du ja schon zitiert. Ich bin gespannt, wie sich IKEA bewegt.

  2. Sava sagt:

    Danke für den Anfang der Diskussion. Hier möchte ich noch ein paar Anmerkungen aus kulturpolitischer Perspektive machen:
    Im Frappant gab es von anfang an klare und sehr günstige Bedingungen für eine temporäre Nutzung.
    Die, die Große Bergstraße belebt haben, sind aber auch gar z.T. nicht mehr da, weil sie sich an die Bedingungen gehalten haben (z.B. das Kultwerk West). Der Bezirk hat die Künstler auch unterstützt, neue Räume zu finden.
    Merkwürdiger Weise stehen mittlerweile mehr Menschen auf der Warteliste, als es Kulturschaffende in der GBS gab. Und es gibt auch solche unseriösen Politiker, die jedem Künstler ein Atelier versprechen, so dass die Liste täglich größer wird.
    Nun dennoch ist es ein Zeichen dafür, dass es zu wenig günstige und zentrale Räume für Kulturschaffende gibt. Aber wenn sich die Leute nicht daran halten, dann werden wir bei anderen Gelegenheiten tatsächlich Schwierigkeiten bekommen eine temporäte Nutzung zu ermöglichen.

    Außerdem IKEA hin oder her – ich möchte wirklich keine Vorträge darüber höhren, dass das Frappant als Zeitzeuge der 70er Jahre erhaltenswert ist. Wirklich nicht.

  3. Armin Trott sagt:

    Lieber Lars,

    zuerst möchte ich Dir einmal sagen, dass Du ein schrecklich verzerrt-romantsiches Bild von Künstlern hat, was in seiner Konsequnz leider recht eklig ist.

    Hört sich so an, als müsse ein Künstler hungerleidend sein, um wahre, unkorumpierte Kunst zu entwickeln. Der materiell sorgenlose Künstler dagegen ist brav und angepasst, leckt die Hand, die ihn füttert.

    Wieso geht man eigentlich bei Künstlern davon aus, dass Armut die Leistung verbessert, während man bei allen anderen Berufsgruppen das Gegenteil behauptet?! Verzweiflung regt den Geist an, nicht Glück und Sicherheit? Denk mal ein bischen drüber nach, bevor Du sowas absonderst.

    Das Frappant wurde für 10 Millionen Euro verkauft. Dem Normalspießer kommt das wie viel Geld vor. In großstädtischen Dimensionen gedacht sind dasaber eher Peanuts. Und die Stadt hätte das Teil kaufen können. Weil es in einem Sanierungsgebiet liegt, hat die Stadt ein Vorkaufsrecht. Dass sie davon nicht Gebrauch gemacht hat, liegt nicht an knappen Kassen sondern an Einfallslosigkeit. Politiker, die seit Jahren kaum ein anderes Ziel verfolgen, als möglichst viel städtisches Eigentum zu verkaufen, können überhaupt nicht denken, eine Immobilie zu erwerben.

    Dabei darf man getrost davon ausgehen, dass der Stadt durch die Ikea-Ansiedlung weit höhere Kosten entstehen werden, als jene 10 Millionen Kaufpreis. Zur Bewältigung des zusätzlichen Verkehrs werden sicher etliche Straßen verbreitert, Baumfällungen nicht mitgerechnet, die haben ja keinen in Euros messaren Wert…

    Im übrigen muss eine staatliche Hilfe ja nicht Zensur bedeuten. Eine Sozial- und Kunstgenossenschaft könnte das Gebäude mieten oder kaufen. Soetwas hat esandernrots auch schon gegeben, zum Beispiel in der „Frise“ in der Arnoldstraße. Da die Anschubfinazierung schwer ist, könnte die Stadt einspringen, das Teil kaufen und an die Genossenschaft vermieten.

    Völlig grotesk finde ich auch Michaels Aussage:

    „Die entstandene Ruhe in der Ecke ist Folge des wirtschaftlichen Niederganges der Einkaufsstraße und kann daher nur eine vorübergehende sein. Allerdings darf IKEA das Quartier auch nicht über die alten Karstadt-Zustände hinaus besonders belasten.“

    Bedeutet das, dass die einmal erlittene Belästigung dauerhaft hingenommen werden muss? Darf man sich nicht mal darüber freuen, wenn irgendwo in der Stadt mal der Verkehr abnimmt? Ist der Lärm selbst gar schützenswert?

    Der Vergleich Karstadt/Ikea ist übrigens auch absurd. Obwohl ich so oft im Karstadt war, ist mir nie aufgefallen, dass da Möbel verkauft wurden. Ich habe da meine Unterhosen und Tunrschuhe gekauft, natürlich ohne Auto. Kann mir auch beim besten Willen nicht vorstellen, dass jemand aus Blankenese mit dem Auto ins Karstadt gefahren ist, um hier überhaupt irgendwas zu kaufen, seien es nun Möbel oder Teelichter.

    Auf den ersten Blick wirkt es wirkltich wie ein Widerspruch, wenn die IKEA-Gegner einerseits den „belbenden“ Faktor auf die GB verneinen, andererseits aber steigende Mieten und Gentrifizierung befürchten.

    Man schaue sich aber einmal die Läden in der GB an. Die sind nett und nützlich für die Menschen die hier wohnen. Werden aber die IKEA-Kunden Interesse an Gemüsehändler, Apotheker und Reformhäuser haben? Die Mieten sind in der GB schon jetzt sehr hoch, immer wieder gibt ein Einzelhändler auf. Zuletzt Kräuter Kühne. IKEA hätte den auch nicht gerettet. Aber wer zieht dann als nächstes dort ein? Star-Bucks? H&M? MacDonald? Noch mehr Mobile-Shops? Was auch immer kommt, es wird eher chic als bodenständig, eher teuer als billig, eher großhändlerisch/ franchisig als einzelhändlerisch sein. Gentrifizierung ist nicht Zu- ODER Abwanderung, Gentrifizierung ist AUSTAUSCH der Bevölkerung und des Gewerbes.

    Ein letztes Wort zur Belebung: Das Einzige was sich Medien und Polikter unter Leben vorstellen können, ist offensichtlich das Klingen der Ladenkassen. An einem sonnigen Nachmittag in der BG schlendernd, kann ich wirklich nicht das Gefühl entwickeln, die GB sei tot. Man sitzt entspannt in der Eisdiele oder anderer Gastronomie und wir dabei nur relativ wenig von illegal vorbeifahrenden Privat-PKWs belästigt. Wenn der 30 Meter hohe blau-gelbe Ikea-Klotz kommt, der deutlich höher ist als dasFrappant und zudem die GB einengen wird, wird man im Schatten sitzen und sich fragen, wieso man sich in dieser ungemütlichen Straße noch länger aufhalten soll.

    Ich könnte noch viel viel mehr schreiben, ist aber schon jetzt zuviel.

    Abschlussbitte: Nicht alles nachplappern, was Politiker (insbesondere GALier) so erzählen, mal selber nachdenken, mal überlegen, ob es etwas geebn könnte, was einen Stadtteil höherwertig belebt, als ein weltweit uniformes Möbelhaus.

    Ciao
    Armin

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